Presse zur Theaterpremiere

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Theater
Weltmarktsiegerbesieger
Waldgang: Theaterpremiere auf früherem DDR-Regierungsgelände   | von Anselm Lenz

Der Punkt ist klar: Wo Großgrundbesitzer die Stadt regieren, muss man kämpfen und wird trotzdem früher oder später abgedrängt – da kennt der Rechtsstaat kein Pardon. Alles muss raus, damit die Rendite sprudelt bis das Leben so richtig scheiße ist.

Der Vermieter wollte für den gemütlichen, antifaschistischen Eckladen mit einemmal dreimal soviel. Antje Borchardt, Melanie Seeland und Matthias Merkle ließen sich nicht darauf ein. Die Geschichte der »Anderen Welt« in Strausberg ist zunächst die Geschichte einer Selbstgentrifizierung. Als die Betreiber der beliebten Kneipe »Freies Neukölln« in Berlin bemerkten, dass ihnen die ökonomischen Freiräume schwinden, um noch hervorragende und günstige Küche für alle anzubieten, entschieden sie sich zum »rübermachen«.

Sie lösten den Betrieb auf und setzten noch einen offenen Brief nach, der schon 2013 eine Qualität hatte, wie sie heute die Protestwelle gegen die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz aufgreift. Jeder weiß, dass die Stadt Berlin in atemberaubend kurzer Zeit ihre einzige originäre Qualität verspielt: Dass es auf Geld nicht so unmittelbar ankommt. Ein gemeinsames Relikt der DDR und des Sonderstatus der Westzone.

Ihre »Andere Welt«, ein Netzwerk aus Jobbern, Arbeitern, Handwerkern und freudvoll scheiternden Künstlern wollten die drei nun transplantieren. Ein seltenes Glück, dass die Deutsche Telekom AG in der Garnisonsstadt Strausberg keine Zukunft mehr sah. Für das Gelände, das der Konzern vom Postministerium der DDR übernommen hatte, wurden kreditwürdige Menschen mit viel Fantasie gesucht. Die Kneipiers mit Theatervergangenheit griffen zu. Wenn nicht hier, wo sonst, sollte der Kosmos des »Freien Neuköllns« untergebracht werden? Und irgendwo muss man ja hin.

Die drei wiederholten nicht den Fehler so vieler »Kulturlinker« des Westens, im Osten nach neuen Fans auf dem Land zu suchen nach dem Motto: »Wir sind jetzt da, schauet, wie großartig wir sind.« Sie luden Linke aus ganz Europa ein, mit ihnen über die Jahre einen Ort aufzubauen, der sich den Namen »Andere Welt« verdienen sollte. Mehr als ein Refugium, ein Ort der Produktion auf dem Gelände mit Wohnplatte, riesigem Waldareal, Werkstätten,  Atombunker und einem alten Wasserwerk.

Dabei ließen sie sich Zeit, pfropften kein Konzept auf. Dementsprechend langsam läuft es an. Vier Jahre später leben in der Wohnplatte einige frühere Mitstreiter aus der »Blockupy«-Bewegung, Geflüchtete aus afrikanischen Kriegsgebieten,  Althippies und ein paar Initiativen. Die Stadtflucht ist ausgeblieben, die drei vom Freien Neuköllm haben das einkalkuliert. »Es ist klar, dass erstmal die kommen, die woanders Niederlagen erlitten haben«, charakterisiert Antje Borchardt den Prozess.

Im September 2017 nun hatte das erste Theaterstück Premiere. Dafür gestaltete eine Theatergruppe das Wasserwerk um, das künftig regelmäßige Spielstätte werden soll. Für das Stück »Pikeslust« lebte ein Ensemble aus den beiden Schauspielerinnen, Regisseur, Technikern und Filmemachern auf dem Gelände und trabte jeden Tag zu den Proben in die benachbarte Halle. Die dutzenden massiven Sitzbänke sind frisch angefertigt. Im Industrieraum riecht es nach Nadelwald. Die Bühne findet vor und auf der Galerie des alten Pumpenraums statt.

Was so postmodern nach launigem Tanz auf den Industriebrachen klingt, will hier den Sprung auf ein anderes Niveau wagen. In Pikeslust wird die Absage an die Möglichkeit konkret, die Geschicke der Menschheit durch gesellschaftliche Prozesse beeinflussen zu können – zunächst. Anhand der Schicksale zweier kinderloser Frauen, die sich durch Ost- und Westgeschichten geschlagen haben, wird die Geworfenheit des Individuums in gesellschaftliche Umgebungen nachvollziehbar. Die Bildhauerin Frauke ist die Gastgeberin. Die Film- und Staatstheaterschauspielerin Inés Burdow lädt Fragen an das Gesellschaftliche mit Versatzstücken aus der eigenen Biographie auf. Die Schauspielerin ist Strausbergerin, oder war es zumindest, und berichtet aus einer Jugend in der DDR. Warm, heiter, wohlwollend. Sie wuchs zwischen NVA-Familien und deren Söhnen auf. Das Gelände des DDR-Postministeriums nimmt sie zum Anlass zu allerlei Reflexionen, die teils als Videoschnipsel auf die Wände des Wasserwerks projiziert werden.

Ihr Konterpart – in der Rolle der Frau Pike – ist die jüngere Schauspielerin Melanie Seeland. Sie erscheint zunächst als Steam-Punk, eine Art Wiedergeburt eines Offiziers der Roten Armee und verwandelt sich in zunehmend erotischere Figuren, die nicht zum Ziel gelangen. Die Figur des Westens, kühler und »smart« bis zur Androgynie, scheint ewig nackend im See zu schwimmen. In einer an den Filmemacher Alejandro Jodorowsky erinnernden Szene, liegt die Schauspielerin, opulent mit Früchten bedeckt, und wird einfach abgefrühstückt.

»Es gibt nichts zu erwarten«, schrieb der italienische Dichter und Postmarxist Giorgio Cesarano, auf den sich das Stück ostentativ bezieht. »Es geht nicht darum, das Ich zu befreien, es geht darum, sich vom Ich zu befreien; so befreit man die Geschichte vom Prinzip. Und das absofort.« Das Stück ist auch ein großer Abschied in zwei Figurationen. Die Eine hat die Vergangenheit verloren, die andere will keine Zukunft haben. So kann mensch sich auch zum Weltmarktsiegerbesieger erklären. Die Naturkonstante Zeit wird früher oder später alles abräumen. Mit etwas Glück bleiben die Bäume.

Die große Geste der Postmoderne, dass nichts mehr geht und jeder Materialismus vergebens ist, wird hier nochmal in seiner totalen Form aufgeführt. In einer Umgebung, die an Ernst Jüngers Waldgang erinnert, jenem Text, in dem der Schriftsteller, Soldat und Teilzeit-Faschist den Menschen im Moment der gesellschaftlichen Katastrophe untersucht – eine Abschwörung an die Hysterie und eine Abrechnung mit dem Nihilismus des puren Wollens. Am Ende steht eine Videoprojektion, in der ein Flüchtling einen Baum einpflanzt. Er kämpft noch etwas mit dem Werkzeug und der ungewohnten Vegetation, aber er ist entschlossen. Denn wo soll er auch sonst pflanzen?

Das alles wirkt erstmal niederschmetternd. Der Mensch ist schlecht, weder Individualismus noch Sozialismus bieten irgendeinen Halt. Jeder Staat ist böse. Nichts kann mehr reproduziert werden. Die Natur wird über den Menschen siegen und das ist auch gut so. »Pikeslust« ist ein langer Fall in die postulierte Wahrheit eines gemeinsamen, zähen Scheiterns von West und Ost, von Europa und Universalismus insgesamt.

Der geschichtspessimistische Tenor ist aber nur übergangsweise, denn das dialektische Gesetz wirkt. Wenn alles so unausweichlich und vergebens ist, das Subjekt nur eine gewalttätige Illusion, die menschliche Gesellschaft auf lange Sicht nur ein häßlicher totaler Markt – warum kann ich dann was anderes denken? – Im Unterholz der Aussichtslosigkeit eines Poststrukturalismus, der die Linke das Gehirn gekostet hat, ist der nächste Ausbruch aus dieser Wirrnis schon angelegt. Nein, so kann es nicht richtig sein, die Welt ist kein Dschungel. Die Geschichte ist nicht zu Ende und wir, die Menschen, sind wirklich da.

Dem jungen Regisseur Rico Wagner ist mit dem Ensemble etwas Sehenswertes gelungen. Sofern man bereit ist, sich auf einen ungewöhnlichen Ort einzulassen, dessen Potential zunächst einmal darin besteht, zu bemerken, was er alles nicht ist. Die kongeniale Theatermusik mit mechanischem Glockenspiel kommt von Daniel Dorsch. Laura Burkhardt hat bei der Ausstattung die Aufmerksamkeit zurecht auf die beiden Schauspielerinnen gelegt – die beide als herausragend gelungene Besetzung bezeichnet werden müssten, wenn sie es nicht selbst wären. Über die Urheberschaft des Stücktextes zu „Pikeslust“ gibt der Programmzettel die Auskunft, es sei Frau Pike selbst gewesen. Das wiederum bleibt ein Rätsel dieses Abends.

Premiere war am 6. Oktober 2017, weitere Vorstellungen am 13. um 18 Uhr, 15. (16 Uhr), 21. (19 Uhr) und 22. Oktober (16 Uhr). Wasserwerk Theater, Garzauer Straße 20, 15344 Strausberg bei Berlin. Siehe auch wasserwerk-theater.com (mit Wegbeschreibung).

Anselm Lenz ist Publizist, Ghostwriter und Theaterdramaturg in Hamburg und Berlin. Der studierte Kulturwissenschaftler arbeitete sechs Jahre in der Dramaturgie am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, später beim Festival Theaterformen in Hannover/Braunschweig. In Hamburg war er 2011 Mitgründer des Clubs »Golem« am Fischmarkt. 2014 gründete er das politphilosophische »Haus Bartleby – Zentrum für Karriereverweigerung« in Berlin. Seit der Nominierung von »Das Kapitalismustribunal« für den Nestroy-Preis 2016 ist Lenz ständiges Mitglied der Wiener Nestroy-Akademie. Seit 1. Mai 2017 arbeitet er als Redakteur im Inlandsressort der Tageszeitung junge Welt in Berlin. Seine Buchpublikationen erschienen im Passagen Verlag, Wien und bei Edition Nautilus, Hamburg.

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[…] gefördert durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg und dem Fonds Soziokultur, machte es den Kreativen möglich, eine erste Theaterproduktion zu stemmen. Premiere war am Freitag mit dem doppeldeutigen Titel „Pikeslust“. Die über allem schwebende Frau Pike […] Ihr drängendster Wunsch ist die plastische Kopie ihrer weiblichen Mitte. […] Nun geht man aber nicht sofort an die Arbeit, sondern erforscht, sozusagen als zweite Ebene des Stücks, den zu bespielenden Raum, ganz konkret dieses Postbunkergelände.
Der Zuschauer erfährt Geschichtliches, beginnend mit der Eiszeit und der daraus resultierenden Landschaft, bis hin zum Bunkerbau und dessen Bedeutung im Kalten Krieg. Für das Bildhauerwerk hernach begibt man sich sogar in den Wald, um den passenden Baum selbst zu fällen […] Begleitet wird das alles mit Videosequenzen des Geländes und die Augen der Zuschauer gehen sogar mittels Drohne auf eine Luftfahrt. […] MOZ, 9.10.2017

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