Gesellschaft für Bedeutungslosigkeit

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Intern derzeit – und immer etwas despektierlich klingend – „Waldverein“ genannt, heißt der Verein „Gesellschaft für Bedeutungslosigkeit“ und ist Eigentümer der der „Anderen Welt“ zuzurechnenden Waldfläche. Die Tätigkeitsbereiche des Vereins umfassen dabei die sorgsame Entwicklung und zurückhaltende Bewirtschaftung des herrlich vielfältigen Waldbestandes zum einen und zum anderen die Freistellung der Fläche als Freiraum zum Denken.

Die verwirrenden gesellschaftlichen, gesellschaftspolitischen und politischen Konfliktlinien dieser Tage verlaufen wohl vor allem zwischen der Vergangenheit und der Zukunft, jedenfalls da, wo sie unseren Alltag, unser Zusammenleben und unser Denken berühren.

Gerade dieser Tage sind wir als Gesellschaft im Grunde einem Dauerfeuer der Vergangenheit auf die übrige Zeit ausgesetzt.
Da ist einerseits der rasende Stillstand des Neoliberalismus, der den Gegenwartskult braucht, um Neues zu verhindern, und uns stattdessen in einen konsumistischen Retrokult treibt; Retromöbel, Retrogedanken, Retrotapeten, das Leben als Zitat ist ein Leben in Zeitlosigkeit.

Die Abschaffung der Zukunft ist das eigentliche politische Projekt des Neoliberalismus.

Andererseits stecken die Angriffe der Vergangenheit auch im autoritären Linksnationalismus bspw. einer Sahra Wagenknecht genauso wie im demokratiefeindlichen Orbanismus von Horst Seehofer, sie zeigen sich in Putins hegemonialen Fantasien wie in den Blut- und Boden-Reden von Pegida wie im terroristischen Antimodernismus des „islamischen Staats“.

Nirgends findet sich eine Utopie, die etwas in der Zukunft zu denken vermag, um es im Heute einfordern zu können.

Ausgerechnet die Betrachtung der Szene rund um Wohnprojekte, Nachhaltigkeitsinitiativen, Ökodörfer und sonstige experimentelle LebensalternativenerforscherInnen offenbart einen erschütternden Hang zum Gestrigen und eine gefährliche Ablehnung der Moderne.
Unmittelbar anschließend an diese Feststellung stellt sich die Frage, was ein solches Labor für alternative Lebens- und Wirtschaftsweisen denn soll, wenn es Lösungen in der Vergangenheit anstatt in der Zukunft sucht, wenn es hirnlos ignoriert, dass sich das Leben seit dem unserer Urgroßeltern vollkommen unfraglich massiv verbessert hat, und es darüber hinaus und sowieso ausgeschlossen ist, dass wir hinter Industrialisierung, Demokratisierung und Digitalisierung zurückgehen können. Es macht selbstverständlich einen Unterschied, ob ich Lehm als zukunftsfähiges prima Baumaterial betrachte und so die richtigen Eigenschaften an den richtigen Einsatzort packe, oder ob ich ihn an die Wand schmiere, weil ich finde, dass früher alles besser war, was ich im übrigen vermutlich in der Youtube-Akademie gelernt habe ;-).

Eine andere schnell feststellbare Gefahr solcher Projekte ist die Gruppenbildung. Das berühmte „Wir“, das sehr zügig in Stellung gegen das „Ihr“ und „die Anderen“ zu bringen ist. Auch hier ist festzustellen, wie ungenügend die modernen Errungenschaften der Emanzipation in uns allen verankert sind.

Es gibt eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder begleitet, durchdenkt und befördert man einen solchen Prozess dauernd, immer und unnachgiebig, um Fortschritte und Veränderungen herbeizuführen, oder man gibt eben auf, versucht sich ein halbwegs schönes Leben zu machen und gibt der Menschheit eben die Zeit, die sie noch haben wird, wenn sie so weitermacht.

Die anarchistische Natur braucht uns eh nicht, um anarchistisch sein zu dürfen.

Die „Gesellschaft für Bedeutungslosigkeit“ wird sich der Aufgabe stellen, Zukunftsfähigkeit und Freiheit in notwendige Entscheidungen hinein zu tragen.
Dies gelingt vor allem über die Fähigkeit der Einzelnen, Angst, Wagnis, Fragestellungen, individuelle Souveränität und Spaß an der Freude irgendwie handhaben zu können.

Und über Platz.
Bis vor wenigen Jahrzehnten waren es vor allem die Städte, die als soziale und politische Labore, durch die Verfuübarkeit von billigem Wohnraum, Brachflächen und heruntergekommenen Quartieren genutzt werden konnten. Durch den Boom der Städte der letzten Jahre, die Landflucht und die billigen Reisemöglichkeiten ist hier aber der Verwertungsdruck derart groß geworden, dass Städte zum größten Teil zu rein konsumistischen Horrorwelten mutierten.
Dagegen hilft wiederum erstmal vor allem die Landflucht als umzukehrendes Phänomen.

Platz im Kopf kann da entstehen, wo Platz um den Kopf rum ist.
Hier: Ein großes Gelände, 250.000 qm Wald, inspirierend durchsetzt von abstrusen Hinterlassenschaften des Kalten Krieges.

Diesem Begriff des Freiraumes will sich die Gesellschaft für Bedeutungslosigkeit vor allem widmen. Innerhalb des Waldes Orte, Szenarien, Veranstaltungen, Rast-und Denkplätze schaffen, die nicht zum Konsum auffordern, sondern eine Distanz schaffen zum unaufhaltsamen Getümmel um uns rum. Raus aus dem Hamsterrad, rein in den Wald oder so.

Die Finanzierung des Ganzen wiederum geschieht ganz pragmatisch über eine Nutzung der Waldfläche. Hier stehen im Vordergrund die vorsichtige Einzelbaumentnahme und die Entwicklung von Designkonzeptionen, die sich ganz auf die Effektivität der Holznutzung fokussieren.
Jenseits der Anforderungen der konventionellen Forstwirtschaft und Holzproduktion gibt es bereits viele Ansätze, wie durchaus benötigtes Holz anders verarbeitbar ist, anders nutz- und gestaltbar, und damit dennoch notwendige Aufwendungen wie Grundsteuer, Anpflanzungen, Arbeitsentschädigung usw. realisierbar sind.
Außerdem leisten hier auch bereits fleißige Bienen einen ersten Beitrag.

Wenn wir zum derzeitigen Zeitpunkt genau wissen könnten, was genau in 10 Jahren auf dieser Waldfläche alles geschieht und mit ihr, wär es nur halb so spannend.
Feststeht nur, so ein Ort wird benötigt, die absurden Bauwerke eines mit absurd gewaltigen Mitteln geführten Kalten Krieges werden uns auch in vielen Jahrzehnten noch zu denken geben können, und Gedanken, die in der Zukunft Lösungen darstellen, brauchen wir am allerdringendsten, um im Jetzt und Hier schonmal anfangen zu können.

Was wir nicht brauchen, ist noch mehr Platz für einige wenige, noch mehr abgeschlossene Projekte für Grüppchen, noch mehr Zäune, noch mehr Spielplatz für wenige.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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