Die Andere Welt Bühne

Theater hat immer Anwesenheitspflicht.
Ist am Ort für den Ort und zugleich dagegen.
Die geografischen Koordinaten spielen bei der Bühnenkunst eine wesentlich wesentlichere Rolle als bei den meisten anderen Künsten.
Es wird ins Theater gegangen, der Raum des Theaters geht nicht, sondern steht.
Also ist die wesentliche Aufgabe am Ort des Geschehens zu spielen, mit dem Ort zu spielen; den Ort zu verfluchen, zu lieben, zu singen, zu zerstören, zu erträumen und zu errichten.
Und klar, immer ist jedweder Ort auf dieser ganzen Welt und diese wirkt; und frühestens hinter ihr kommt vielleicht eine Grenze.

Frau Pike in „Pike’s Heft“


Die Andere Welt Bühne spielt seit Sommer 2017.
Alles zu Programm, Terminen, Akteur*innen, Karten usw. hier.

Die Raumbühne nach Friedrich Kiesler im ehem. Wasserwerk

DIE RAUMBÜHNE

Die Avantgarde findet – natürlich – in der Provinz statt.

Mit der Spielzeit 2020 präsentiert die Andere Welt Bühne ihre vor Ort entstan­dene zweigeschossige Raumbühne als große Weiterentwicklung einer Drehbüh­ne in der Industriehalle des ehemaligen Wasserwerks in Strausberg (Brandenburg). Die neue, prägende Einrichtung verbin­det kunsthistorische Inspiration und Recherche mit Überlegungen zu ökolo­gisch achtsamer Nachhaltigkeit im Theaterbetrieb und originärer ästheti­scher Wirkungsabsicht – dies alles vor Ort umgesetzt und also einzigartig im Sinne von: nicht universell und übertrag­bar.

KUNSTGESCHICHTE

Allein die Inspiration kommt nicht nur aus dem Wald: Friedrich Kieslers Entwürfe und Überlegungen aus den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts zu einer Raumbühne hat­ten wesentlichen Einfluss auf Aspekte von Architektur, Ästhetik und Wirkungsweise der Einrichtung.

Der österreichische Architekt und Bühnen­bildner Friedrich Kiesler entwickelte ab den 20er Jahren des vorigen Jahrhun­derts elektromechanische Bühnenbilder, spiralförmige Raumbühnen, modulare Ausstellungssysteme und gilt mit seinen Designkonzepten als einer der großen Visionäre der Moderne im Umfeld des Bauhauses.

Friedrich Kieslers Ziel war es, mit seiner Raumbühne der klassischen Guckkasten­bühne, die ihm eine starre »Kiste mit einem Vorhang als Deckel« war, einen »elastischen« Raum entgegenzustellen, um die Bildbühne im Raum aufzulösen. Aus der klassischen Addition von Wort, Mensch, Requisite, Licht und Kulisse sollte eine Integration dieser Bestandteile werden, die mit der Bewegung der Bühne und der Objekte und Subjekte multipli­ziert wird. In der damaligen Zeit ging es dabei vor allem darum, die Theatermittel zu erwei­tern und die Bühnenkunst in die Moderne zu transformieren.

Inspiriert von Kieslers Raumbühne hat Matthias Merkle eine eigenständige Umsetzung des Kiesler­-Modells für das ehemalige Wasserwerk der Anderen Welt Bühne entwickelt.

NACHHALTIGKEIT

Situiert inmitten des ehemaligen Straus­berger Stadtwalds ist für das Team des 2017 gegründeten Theaters die Frage nach ökologisch sinnvoller, ressourcen­schonender und nachhaltiger Betrieb­samkeit schon immer eine natürliche. Dem üblichen Materialaufwand des Theaterbetriebs wird mit der Raumbühne entschlossen begegnet: Bühnenbilder entstehen maßgeblich mit der Auswahl der Drehung, der Nutzung der Ebenen, der Fokussierung von Möglichkeiten; Ausstattung bleibt Thema weit jenseits von Materialschlacht und Müllberg.

Mobiliar, mehrfach verwendbare Stoffe, Scheinwerfer und Requisiten komplettie­ren Bühnenbilder in den jeweiligen Belan­gen der einzelnen Produktionen.

RAUM, BÜHNE, BÜHNENBILD (UND ORT)

Nicht weil sie Raum ist (das ist sie natür­lich), sondern weil sie Raum schafft und sichtbar, erlebbar macht, nennen wir sie Raumbühne.

Das ehemalige Wasserwerk auf dem Alten Postgelände in Strausberg ist ein eigenartiger und schöner Ort, die leere Industriehalle eine großartige Kulisse für die darstellende Kunst.

Erst der Bühnenturm in seiner Höhe aller­dings integriert die Halle in ihrer Kubatur, ihren baulichen Details und den Über­bleibseln ihrer historischer Funktionalität tatsächlich in das Bild der Schauenden.

Weil sie sich dreht, hat sie eine Richtung. Die Konzeption sortiert die Zuschauenden auf eine Seite der Bühne und damit die Blickrichtung als eine einzige, gebündelte, allerdings große, hohe.

Wir sitzen nicht beliebig da und dort, lassen nicht den Blick gedankenverloren an Wand und Decke wandern, sondern wir sehen, was uns gezeigt wird: alles. Im Zweifel dreht die Bühne das alles noch­ mal um für uns.

Die drehende Raumbühne ist selbst und allein Objekt, Skulptur, Architektur, Instal­lation. Sie ist nicht Ausstattung, sondern Inszenierung des Raums.

Jenseits ihrer Funktionalität setzt die Büh­ne in ihrer ästhetischen Ausformulierung gestalterische Erfindungen eindrücklich um.

Matthias Merkle hat aus den Gegeben­heiten des Geländes schöne Notwendig­keiten entwickelt. Seit 2013 erarbeitet er für das Alte Postgelände in Strausberg Konzepte und Umsetzungen, für die er im Bereich Waldpflege und Holzgestaltung vor allem Möbel, Einrichtungen und (in­nen­) architektonische sowie Bühnen­bild-­Lösungen designt, konstruiert und baut. Als vorläufigen Höhepunkt dieses Schaffens stellt Merkle jetzt seine dre­hende Raumbühne nach Motiven von Friedrich Kiesler vor.

All das fand und findet an einem Ort statt: Konzeption, Konstruktion, Umset­zung und Nutzung.
Das Holz für die Bühne, auch der Baum, aus dem die markanten, fragil­stabilen Stützen gebaut sind, stammt aus dem Wald, keine 400 Meter vom Theater ent­fernt.

Mit einem kleinen Team wurde vor Ort das Holz bearbeitet und die Bühne gebaut.
In die Halle eingepasst, zentimetergenau an den Gegebenheiten orientiert.

Diese Bühne steht, wo sie herkommt und hingehört – der Wald in der Halle, die Halle ein Theater, das Theater im Wald. Dem lustvollen Wagemut der jungen Theatergründung gesellt sich der Eigen­sinn des Bühnenbaus bei. Der Stil des Hauses ist geprägt – möge das Kunstwerk sich vielfach erweisen!

Antje Borchardt